Yellow, Green And Stone: Maifeld 13.05.2012
Sinnvolle Arbeit muss einfach auch Spaß machen! Nein, das sage ich jetzt nicht nur, weil ich gerade mit @RZChefredakteur und zwei Kollegen zum European Newspaper Congress (ENC) in das schöne Wien gereist war. Dort, wo sich das who-is-who der modernen Zeitungslandschaft drei Tage zum Debattieren und Dinieren traf. Wo es innovative Designs, faszinierende Visualisierungen von Geschichten und ausgeklügelte Info-Grafiken zu sehen gab - auf Papier und digital.
Ich sage das vielmehr, weil ich nach der etwas unsanften Landung zurück in der harten Realität schon fast wieder nahtlos in den Alltagstrott verfallen wäre. Das würde aber nicht nur mir, sondern auch meiner Arbeit schaden. Denn eines ist anhand vieler Paradebeispiele während des ENC klar geworden: Nur da, wo Teams mit viel Spaß und Leidenschaft neue Ideen entwickelt haben, sind auch gute Produkte entstanden, die für Leser/User informativ und unterhaltsam zugleich sind. Einige Botschaften waren aus fast allen Reden und Fallstudien eindeutig zu erkennen:
Seid einzigartig und nehmt euch Zeit dafür! Es macht keinen Sinn, ständig die gesamte aktuelle Nachrichtenlage abbilden zu wollen. Dafür gibt es Ticker und Agenturen. Eine Zeitung, kostenpflichtiger Online-Content oder Tablet-Apps sollten "Luxusgüter" sein. Dafür müssen sie mit von der Redaktion selbst gesetzten, exklusiven Themen bestückt sein, die sich an eindeutige Zielgruppen richten. Gerade einer Regionalzeitung stehen dazu alle Möglichkeiten offen. Diese Themen entstehen selten im Eiltempo, sondern brauchen Zeit.
Habt Spaß, nur dann seid ihr gut! Exklusive Geschichten zu suchen, zu entdecken, zu entwickeln und zu erzählen, dürfte jedem Journalisten mehr Freude bereiten als das stete Schwimmen mit dem Nachrichtenstrom.
Berichtet in Bildern! Nur in Verbindung mit einer starken und großflächigen Optik erlangen gute Storys auch Aufmerksamkeit. In Fotostrecken erzählte Geschichten funktionieren nicht nur online, sondern auch im Blatt. Zusätzliches Hintergrundwissen kann mit Hilfe von Infografiken schnell und unterhaltsam vermittelt werden. Web-Videos und interaktive Grafiken lassen den Betrachter online am Geschehen teilnehmen.
Denkt weit voraus! Um diese Ziele zu Verwirklichen muss eine kurz-, mittel- und langfristige Themenplanung in den Redaktionen kultiviert werden. Informationen, Daten, Bilder und Videos, die vielleicht aus einer scheinbaren 0815-Meldung eine Topstory machen können, müssen erst mal gesammelt werden. Und: Die Mission kann auch scheitern, dann muss Ersatz da sein.
Seid niemals fertig! Alle Bausteine sind ein fortlaufender Prozess und können ständig verbessert oder angepasst werden. Sei es, weil es neue technische Möglichkeiten gibt, weil die Zielgruppe es wünscht oder weil es den Arbeitsablauf verbessert. Ob Design, Organisation oder Newsdesk-Struktur, nichts sollte in Stein gemeißelt sein. Wenn es anders besser geht, wird es angepasst. Paradebeispiel beim ENC war die Zeitung Politiken aus Dänemark, die den Design-Preis gewonnen hat. Erklärtes Ziel der Preisträger noch in diesem Jahr: Re-Design!
Auf allen Kanälen senden und empfangen! Ein Zeitungsverlag kann heute auf vielen Kanälen seine Kunden erreichen: Printprodukt, Internetseite, Social Media, Smartphones und Tablet-PC mit ihren jeweiligen Stärken und Schwächen. Auf all diesen Kanälen sollte die Redaktion auch mit den Empfängern interagieren. Nicht selten entstehen aus dem Feedback neue Geschichten.
Was ist nun aber im Einzelfall immer richtig oder falsch? Auch dafür gab es beim ENC einen guten Ratschlag:
Probiert einfach aus! Die Frankfurter Rundschau wurde beim ENC für ihre iPad-App ausgezeichnet. Chefredakteur Rouven Schellenbergers Kernaussage zur Entstehung des Produkts: "Der Selbstversuch war unser bester Ratgeber." Was im Team schon nicht gut ankam, wurde fallengelassen, denn der User wäre wahrscheinlich daran verzweifelt. Was im Team auf Begeisterung stieß, wurde weiterentwickelt.
Zum Abschluss noch zwei Ratschläge von mir:
1. Nur Mut! Zum wiederholten Male war ich auf einem Zeitungskongress, bei dem über "Chancen und Risiken" von iPad & Co. diskutiert wurde. Die dabei immer wieder aufkeimende Hasenfüßigkeit erstaunt mich dabei zunehmend. Denn fest steht: Egal, wie lange es gedruckte Zeitungen noch geben wird, die Zukunft der digitalen Magazine auf Tablets kommt. Und fest steht auch: Kaum jemand kann diese zurzeit so gut multimedial mit Texten, Bildern, Videos und interaktiven Grafiken gestalten wie Tageszeitungen. Die regionalen Blätter sind zudem auf diesem Gebiet noch völlig konkurrenzlos! Warum dann dieses weinerliche Verstecken hinter Fragen wie "Ist das auf diese oder jene Art wirklich der richtige Weg?" Das weiß niemand. Aber nur, wer den Mut hat, einige Wege zu testen und dabei Erfahrungen sammelt, wird den richtigen Weg finden. Eine Investition in die Zunkunft. Also, auf geht's!
2. Have Fun every day! Nur, weil es nicht oft genug gesagt werden kann, zum Abschluss noch einmal auf Englisch. (Beim ENC habe ich mir auch die Übersetzungen auf Dänisch und auf Portugiesisch sagen lassen, aber leider wieder vergessen.)
P.S.: Liebe Kollegen, bevor ihr lästert:
Wer Ohren hat zum Hören, der höre! Es ist mir völlig klar, dass in vielen Redaktionen sowohl an der personellen Zusammensetzung als auch an der Organisation noch einiges getan werden muss, um die genannten Ziele verwirklichen zu können. Aber: Auch viele Chefs haben den ENC und die Trends der zurückliegenden Jahre aufmerksam verfolgt. Also dürfen wir gespannt sein…
Ein schöner Novemberanfang: Fast wie ein Urlaubstag direkt vor der "Haustür" in der Eifel